Wort und geschwungene Linie
(Dieter Wolf)

Es ist ein sehr privates Buch‚ welches Lebenserwartungen‚ Sentenzen‚ Anekdoten‚ Traumnotizen und vieles mehr enthält. »Bin ich Expressionist?« fragt sich der Autor auf Seite 30‚ was ihn nicht davon abhält‚ auf Seite 45 zu fragen: »Bin ich Impressionist?« Worum geht es in diesem Buch‚ welches der Scidinge Hall Verlag Zürich in einer erweiterten Fassung 2010 publiziert hat? Es geht um einen eher seltenen Fall in der Kunstgeschichte. Joachim Werneburg hat Notizen aus seinem Arbeitsjournal zur Verfügung gestellt. Dessen Vater‚ der Graphiker Walter Werneburg (1922 – 1999) schuf nach Epigrammen seines Sohnes Joachim Druckgraphiken. Hieraus entwickelte sich eine jahrzehntelange Zusammenarbeit. Das Werk von Walter Werneburg besteht u. a. aus einer Vielzahl von Aquarellen. Das Buch enthält zudem Reproduktionen von Druckgraphiken Walter Werneburgs aus verschiedenen Schaffensperioden. In das Buch sind auch Überlegungen eingeflossen zum Werk anderer Bildender Künstler‚ aber auch Erinnerungen an die Begegnung mit anderen Schriftstellern‚ so beispielsweise mit dem zweifelsohne großen deutschen Autor Rolf Schilling. Als Lehrer und Anreger von Walter Werneburg werden u. a. genannt die Maler Otto Knöpfer‚ Otto Paetz und Franz Markau (1881-1968)‚ wobei letzterer eine besondere Rolle gespielt haben mag. Die Prägung des Vaters durch Krieg‚ Gefangenschaft und die Lebensverhältnisse im späteren Ostblock ist in vielerlei Dingen im Geiste gut nacherlebbar‚ wie auch die oft überraschenden Bewältigungsstrategien. Wohl am besten werden diese Erfahrungen widergespiegelt durch die Gedichtzeilen Joachim Werneburgs anhand der Metapher der Silberdistel: »Die Blüte legt sich auf den Boden / Als Gefangne des Steingeheges. / Sie beugt sich jetzt den fremden Herrn / Mit silberner Gelassenheit… / wenn auch mit Stacheln.« (S. 63).
Der Expressionismus (von frz. expression‚ Ausdruck) ist eine Stilform der Kunst‚ die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Gegenschlag gegen den starr gewordenen Impressionismus entstand‚ im Drang nach neuer seelischer Vertiefung. Die theoretische Grundlage hielten seine Gegner für ein Fundament einer liberalistisch-marxistischen Tendenzkunst. Gegenüber der gelockerten Bildgestalt und Sprachform des Impressionismus wurde zunächst eine neue Geschlossenheit und Ballung angestrebt. Die Ausdruckskraft der Linienführung und der in großen Flächen und ungebrochenen‚ reinen Tönen gehaltenen Farben‚ der kurzen‚ spannungsreichen Wortfügung wurde gesteigert. In Deutschland wurde der Expressionismus zuerst vertreten von der Dresdner Künstlervereinigung »Die Brücke« (gegründet 1904)‚ der Kirchner‚ Schmidt-Rotluff‚ Heckel u. a. angehörten. Franz Marc und Nolde‚ die im Buch mehrfach erwähnt werden‚ waren eher Einzelgänger des Expressionismus. In der Bildhauerkunst beeinflußte der Expressionismus das Schaffen von Lehnbruck und Barlach‚ die ebenfalls erwähnt werden. In der Literatur zählen zu den Expressionisten Stadler‚ Heym‚ Trakl‚ Engelke u. a.‚ deren Schaffen hauptsächlich in die Vorkriegszeit des 1. Weltkrieges fällt. Eine besondere Rolle spielte stets die Psychoanalyse in der expressionistischen Literatur.
Das Buch beginnt mit Aufzeichnungen aus dem Jahre 1975‚ die erste Zwischenüberschrift lautet: »Russische Erfahrung« und endet mit dem Jahr 1997‚ dem Jahr des 75. Geburtstages des Vaters‚ Walter Werneburg. Worin bestehen die künstlerischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Joachim Werneburg und Walter Werneburg? »Was ist das‚ was der Dichter gleich dem Maler sieht? Die durch die Anschauung gewonnene Idee des Lebens‚ dieses dreidimensionale Bild gilt es auf der Papierfläche zu verwirklichen‚ und zwar ohne Tiefenverlust.« (S. 34). Das Geistige in der Kunst sieht Joachim Werneburg folgendermaßen: »Der Bildende Künstler vermählt bei seiner Arbeit die Objektfigur mit der Grundfigur; das Vordergrundmotiv ist von Linien‚ Farbflächen umgeben‚ es wird in das Gesamtbild integriert. In diesem Sinne besitzt jede Pflanze ihren physischen und den »Ätherleib«‚ einen zusätzlichen »feinstofflichen« Körper‚ der sie umgibt. Es zeigt sich nun‚ daß die Sichtweisen auf die Pflanze‚ die sinnliche wie die »ätherische«‚ sich aufeinander zu bewegen. Die eine ergänzt die andere. Wir sehen auf der Graphik nicht nur das Lebewesen in seiner physischen Qualität‚ sondern auch seine Aura‚ wenn auch im ästhetischen Spiel gebrochen.« (S. 72/73). Es folgt der Vergleich zur Lyrik: »Hart ist das Holz des Ahornbaumes‚ / Mit seinen spitzen Blättern greift er / Nach dem weicheren Leib des Äthers. […]. Wie realisiert sich die Grundfigur‚ also der Ätherleib‚ in einem Gedicht? Das »Ätherische« der Verse nimmt der Hörer durch ihren Klang auf‚ er hört den weicheren Leib‚ sein Ohr »greift« danach.« (S. 73).
Sehr lesenswert sind die Passagen zur »Rabenfibel«‚ die einen neuen mythologischen Zugang zur germanischen Frühgeschichte dem geneigten Leser eröffnen: »Die Raben sind Götterboten‚ Hugin und Munin‚ der Verstand und das Gedächtnis. Der waltende Gott erhält durch sie Kunde von den Vorgängen auf der Erde. Überirdische Wesen reichen nur zu einem geringen Teil ihrer Kräfte in die diesseitige Welt hinein. Wollen sie einwirken‚ so müssen sie mit einem Saum ihres göttlichen Gewandes‚ mit einem »Flügel«‚ diese Sphäre berühren. Wenn sich nun die herabgeschickten Kräfte verselbständigen‚ entstehen die Vogelgestalten. So wäre die »Rabenfibel« ein Grundlehrbuch der himmlischen Weisungen.« (S. 72).
Ich bin mir sicher‚ wer sich für Malerei und Lyrik interessiert und sich einen unverstellten Blick auf diese Welt und die Vielgestaltigkeit der Mythen bewahrt hat‚ wird entdecken‚ manches mit dem Autor teilen zu können.

Werneburg‚ Joachim: Wort und geschwungene Linie. Aufzeichnungen über die künstlerische Zusammenarbeit mit Walter Werneburg. 2010. 123 S.‚ zahlr. farb. Abb. ISBN 978-3-905923-02-5 Scidinge Hall Kt. 13‚50 €


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